Wir waren jung und wir hatten Antihistamine

Posted by Janina Schütz on Dezember 23rd, 2010

Wer von Allergien geplagt und antiautoritär erzogen im ostwestfälischen Bielefeld groß wird, der hat es zweifelsohne nicht leicht. Micky Maus oder YPS, Matchbox oder Hot Wheels, Bofrost oder Eismann sind die zentralen Fragen, um die es geht. Mischa-Sarim Vérollet erzählt in seinem Debüt-Roman „Warum ich Angst vor Frauen habe“ von einer Kindheit in den 80er Jahren. Skurille Anekdoten und Beziehungsgeflechte verschmelzen dabei zu einem tragisch-komischen Ganzen, dass man einfach mögen muss.

Krankheiten und Phobien prägen die Kindheit des Ich-Erzählers. Mumps, Scharlach, Röteln, Heuschnupfen und Höhenangst sind nur einige der Stationen auf dem Leidensweg des Erwachsenwerdens. Doch manchmal werden die Handicaps auch unverhofft zum Rettungsanker in schier aussichtslosen Situationen. Wenn beispielsweise der todesmutige Sprung von der Half-Pipe vor den Augen der Angebeteten durch das Asthma-Spray des besten Freundes in letzter Sekunde abgewendet werden kann. Oder wenn das Gegengift gegen den leidigen Heuschnupfen auf dem Radar auftaucht. In Form von „Anthistaminen, den Mittelfinger es allergischen Mannes“.

Der sonntägliche Fahrrad-Parcours wird „durch den mit gelben Filz verkleideten Styropor-Farradhelm aus dem ADAC-Sonderangebot, der auch genauso aussah und einem Wasserkopf sehr ähnelte, zum Fall für amnesty international“. Der geliebte Wellsensittich Johanni findet sein Ende unverhofft früh im Staubsauger. Uns das nur weil der Sprössling einmal der drängenden Bitte seiner Eltern um Ordnung im Kinderzimmer nachgibt. Der Familien-Auftritt zu Rednex „Cotton Eye Joe“ beim Vorspiel der Musikschule gleicht einem Desaster, denn natürlich sitzt die Angebetete im Publikum und vergnügt sich anschließend mit dem besten Freund.

Foto: Carolin Wessel

Foto: Carolin Wessel

Mischa-Sarim Vérollets Humor ist so schwarz, dass er scheinbar mühelos immer wieder die Grenze zwischen Tragik und Komik streift. Wenn der beste Freund beispielsweise den Tod der eigenen Mutter immer wieder für sich verwendet und der Ich-Erzähler ihn schon fast um die tote Mutter beneidet. Trotzdem kriegt Vérollet immer gerade noch die Kurve und verwandelt jede Episode mindestens zu einem Lacher.

Es ist die Art und Weise, mit der der aus dem Dunstkreis des Poetry Slam stammende Vérollet seine Geschichten erzählt, die dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Mit  Fingerspitzengefühl für die wichtigen Details und die tragenden Geschichten einer jeden Jugend nimmt er sich den zentralen Fragen an. Und genau dieser Mix sorgt beim Lesen für reichlich Déjà-vu-Erlebnisse.

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